Warum stoppt ihn niemand?
Ein Gedanke, der mich nicht loslässt.
Jedes Mal, wenn Donald Trump wieder eine Entscheidung trifft, die rational nicht erklärbar erscheint — Zölle auf alle Verbündeten gleichzeitig, Nato-Zweifel, der US-amerikanischen Angriff auf Venezuela, die bizarre Fixierung auf Grönland, die unverholenen Drohungen in Richtung Kuba, der aktuelle Iran-Krieg, das tägliche Chaos auf Truth Social und vieles mehr — stellt sich mir dieselbe Frage:
Sieht das sonst niemand? Und wenn ja: Warum greift niemand ein?
Aus meiner Arbeit als Strafverteidiger kenne ich es, dass Menschen, die sich selbst schaden oder andere gefährden, irgendwann von einem System gestoppt werden — manchmal durch das Strafrecht, manchmal durch ein Unterbringsungsverfahren (PsychKG), manchmal durch die eigene Familie. Irgendjemand zieht irgendwann die Notbremse.
Bei Trump passiert das alles nicht. Die Frage, die sich mir stellt: Warum?
Das Offensichtliche zuerst: Was sehen wir eigentlich?
Ich bin kein Psychiater, und ich werde hier keine Diagnose stellen. Das wäre unseriös, und es würde mich auch rechtlich in unruhiges Fahrwasser bringen.
Was ich beschreiben kann, sind Verhaltensweisen, die seit Jahren beobachtbar, dokumentiert und von zahlreichen Fachleuten öffentlich thematisiert wurden:
- Eine außergewöhnlich geringe Frustrationstoleranz
- Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, ohne sie als Angriff zu interpretieren
- Grandiositätserleben, das über das politisch Übliche weit hinausgeht („I alone can fix it„)
- Impulsives Entscheidungsverhalten ohne erkennbare Folgenabwägung
- Chronische Unwahrheit, auch dort, wo Lügen erkennbar und kurzfristig schädlich sind
- Kränkbarkeit, die politische Entscheidungen sichtbar beeinflusst
Das ist kein normales Politikerverhalten. Das ist nicht der übliche Populismus. Das ist etwas anderes.
2017 veröffentlichten 27 US-amerikanische Psychiater und Psychologen das Buch „The Dangerous Case of Donald Trump“ (sponsored link) — ein Einblick, der in der Fachwelt polarisierte, aber die Debatte nicht löste. Die American Psychiatric Association hat gleichzeitig ihre sogenannte „Goldwater-Rule“ bekräftigt: Psychiater sollen keine öffentlichen Diagnosen über Personen stellen, die sie nicht persönlich untersucht haben. Verständlich.
Trotzdem: Die Verhaltensweisen Trumps sind für jeden auf den ersten Blick sichtbar. Sie eskalieren. Und sie haben reale Konsequenzen für die Welt.
Also: Warum greift niemand ein?
An dieser Stelle wird es interessant. Und kompliziert.
-> weil das System dafür nicht gebaut ist.
Die US-Verfassung kennt ein Instrument für den Fall, dass ein Präsident amtsunfähig ist: den 25. Zusatzartikel. Abschnitt 4 erlaubt es dem Vizepräsidenten und der Mehrheit des Kabinetts, den Präsidenten für amtsunfähig zu erklären — auch gegen seinen Willen. Warum machen der Vizepräsident und die Mehrheit der Minister (secretaries) davon keinen Gebrauch? Weil die politischen Kosten immens wären. Weil niemand, der in diesem System Karriere gemacht hat, seinen Kopf so weit aus dem Fenster streckt. Und weil der Mechanismus im Kern politisch ist — er setzt voraus, dass genug Menschen gleichzeitig bereit sind, die Konfrontation zu riskieren.
Das Verfassungsrecht schützt also theoretisch vor einem gefährlichen Präsidenten. Praktisch ist es wirkungslos.
-> weil seine Umgebung von ihm profitiert
Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, und er wird im öffentlichen Diskurs systematisch unterschätzt. Trump ist nicht allein. Er ist umgeben von Menschen, die von ihm profitieren:
- Kabinettsmitglieder, die Karriere machen
- Berater, die Aufträge bekommen
- Milliardäre, die Steuerpolitik mitgestalten
- Medienunternehmen, die Klicks generieren
-> weil seine Basis jede Intervention als Bestätigung interpretiert
Trump hat jahrelang das Narrativ kultiviert, dass „die da oben“ ihn stoppen wollen, weil er der einzige ist, der „die Wahrheit“ sagt. Wenn jetzt jemand aus dem Establishment sagt „dieser Mann ist nicht zurechnungsfähig“ — was passiert dann?
Das ist offensichtlich: Für viele Millionen Amerikaner ist das der Beweis, dass das Establishment wieder mal versucht, den Volkswillen zu unterdrücken. Das ist eine selbst immunisierende Erzählung. Sie kann nicht durch Kritik widerlegt werden, weil jede Kritik als Teil der Verschwörung erscheint.
Wer Trump stoppen will, bestätigt damit aus der Perspektive seiner Anhänger nur seine eigene Geschichte.
-> weil niemand weiß, was danach kommt
Das klingt zynisch. Aber es stimmt. Eine politische Elite, die Trump aus dem Amt drängt, löst damit nicht das Problem, das Trump erzeugt hat. Sie löst möglicherweise eine Krise aus, die schwerer zu kontrollieren ist als Trump selbst.
Was passiert, wenn ein Präsident von seinem eigenen Kabinett für amtsunfähig erklärt wird und dreißig Millionen bewaffnete Anhänger das nicht akzeptieren?
Das ist keine hypothetische Frage. Das ist der 6. Januar 2021, aber größer.
Das eigentliche Problem ist strukturell
Ich glaube, wir machen einen Fehler, wenn wir die Frage so formulieren: „Warum stoppt niemand Trump?“
Die richtige Frage wäre: Wie konnte ein System entstehen, in dem jemand wie Trump nicht nur mächtig werden, sondern auch so lange bleiben kann?
Die Antwort darauf ist unbequem: Weil das System in vielen Teilen nicht dafür ausgelegt ist, pathologische Akteure zu stoppen. Es ist ausgelegt für rationale Akteure, die im Rahmen von Normen operieren, auch wenn sie diese ausreizen.
Trump operiert außerhalb dieser Normen — und das System hat keine wirksamen automatischen Sicherungen dagegen.
Das betrifft übrigens nicht nur die USA. Auch andere Demokratien zeigen diese Schwächen. Die Institutionen funktionieren — bis jemand kommt, der entschlossen genug ist, sie zu ignorieren, und populär genug, damit davonzukommen.
Was bleibt
Ich weiß nicht, ob Trump psychisch krank ist. Ich weiß, dass sein Verhalten besorgniserregend ist und realen Schaden anrichtet — innenpolitisch, außenpolitisch, in den internationalen Institutionen, die nach 1945 mühsam aufgebaut wurden.
Die Menschen, die eingreifen könnten, tun es nicht. Nicht weil sie blind oder dumm wären. Sondern weil die Kosten des Eingreifens für jeden Einzelnen zu hoch erscheinen — und weil kollektives Handeln in einem polarisierten System politisch fast unmöglich ist.
Das ist das Kernproblem. Nicht Trump allein. Sondern das System, das ihn trägt.
Und das ist die eigentlich beunruhigende Erkenntnis.
Image by Peter van de Ven from Pixabay
1 Kommentar
Die Fernsehserie „24“ hat uns eine vollkommen falsche Vorstellung davon vermittelt, wie leicht der 25. Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung anzuwenden ist. :/